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Das Kreuz mit der Zahl

insence

Soeben komme ich von der Jurytätigkeit bei einem Regionalwettbewerb „Jugend musiziert“ nach Hause und noch beschäftigt mich ein Gespräch mit einer Kollegin nach der Ergebnisbekanntgabe...

„...mit den Jurygesprächen war ja alles in Ordnung [die Teilnehmer kamen alle so zufrieden lächelnd aus den Beratungsgesprächen], nur die gegebene Bewertung, die veröffentlichten Ergebnisse, die Abstufung nach Punkten, die ist nicht nachvollziehbar.“

Wunderbar, denke ich, und grinse in mich hinein. Und schreibe nun doch diesen Text...

Wenn die Kollegen mit den Auswertungsgesprächen zufrieden sind, ist das nicht nur ein gutes Zeichen, sondern, nach meinem Dafürhalten, vielleicht sogar das wichtigste Kriterium für einen gelungenen Wettbewerb. Insbesondere „das-Ergebnis-in-Punkten“ halte ich nicht nur für zumindest sekundär, sondern für „in-die Irre-führend“:

Wir tun ja gerne so, als sei der „Wettkampf“ aus dem Sport eins zu eins in die Musik übertragbar. Und witziger Weise wird dieser Gedanke implizit und ist derart verinnerlicht, dass wir nur zu oft daran teilnehmen, als sei eine musikalische Darbietung objektiv bewertbar.

Ist sie das nicht? Oder: Wie geht „schneller – höher – weiter“ musikalisch?

Nun ja, wenn ich bewerte, tue ich das nach wohlüberlegten, häufig und lange analysierten Kriterien. Ich achte auf Tonqualität, Entwicklung der technischen Fertig- und Fähigkeiten. Ich kann, freilich nach meinem Wissensstand, beurteilen, ob der Beitrag meinen Stilkriterien gerecht wir. Und ich kann mehr oder weniger genau die Texttreue bewerten (je nachdem, ob ich die Literatur kenne, oder ob mir zum Vorspiel überhaupt der Notentext eines mir unbekannten Werkes vorliegt). Ich kann wahrnehmen, ob die Spielbewegungen auf mich einen schlüssigen und „organischen“ Eindruck machen, kann die rhythmische Qualität beurteilen und nach meinem Verständnis die (Spiel)Haltung einschätzen. Dann kann ich, je nach meinem eigenen Maßstab, (m)eine mehr oder weniger strenge Wertung ansetzten.

Und, bin ich mit solch ausgeklügelten Kriterien objektiv?

Natürlich nicht!

Wie denn auch, wenn ich alles nicht nur durch gesellschaftlich erworbene, sondern zusätzlich durch meine selbst kreierten Filter wahrnehme?!? Sicher gibt es „relativ harte“ und „relativ weiche“ Kriterien. Sicher kann ich den Grad der rhythmischen Präzision noch recht genau feststellen!...? Aber schon bei der Frage nach der Tonqualität wird es diffizil, ist doch „der gute Ton“ (zumindest auch) eine Frage des Geschmacks, oder? Vielleicht ist es bereits jetzt müßig, die einzelnen Kriterien durchzugehen, ist diese Andeutung bereits ausreichend, um die individuelle Färbung einer jeden Leistungs-Beurteilung zu skizzieren.

Warum aber erwarten scheinbar gerade so viele Fachkollegen eine „gerechte Bewertung“. Sind wir hier gemeinschaftlich auf dem „Holzweg“? So hart es auch klingen mag: ich glaube, wir sind es.

Und so will ich gleich eine Haltung skizzieren, die vielleicht auch gleich einen Ausweg bieten kann. Was wir als „Jugend musiziert“ feiern, soll ein Fest der Begegnung sein. Man trifft sich und spielt sich gegenseitig vor, hört einander zu und erfährt von fachkompetentem Publikum, wie der Vortrag auf ein hervorragend gebildetes Publikum wirkte. Dabei kommt es zu einem Austausch, der alle Seiten bereichert: die jungen Musiker profitieren von der professionell wohlwollenden Kritik, die Profis erleben die Arbeit aus einer anderen Perspektive, was ebenfalls bereichert.

Und sicher ist es genau das, was mich so gerne in Jurys unterwegs sein lässt: ich bin mir meines präferenzbetonten Wertungsverhaltens bewusst, mach keinen Hehl daraus und kann so offenen Herzens aus meiner Erfahrung heraus darin bestärken, immer mehr zu erwarten, immer mehr zu geben, immer weiter zu wachsen. Dazu benötige ich keine Wertungs-Punkte.

Ein Gedanke: eventuell sind die „in-absoluten-Zahlen-Wertungen“ ein Relikt aus der Zeit der Entstehung des musikalischen Wettbewerbes, die nun mehr und mehr durch eine Art des musikalischen Begegnungsfestes abgelöst werden, in dem wir uns mit viel größerer Offenheit begegnen und noch viel stärker voneinander lernen.

Der Gewinn eines Wettbewerbes ist ein Sieg für sich selbst (oder/und über sich selbst).

Es sollte im Wettbewerb eben nicht darum gehen, sich über jemand anderen zu erheben (oder erheben zu lassen). Ich kann als Spieler aber sehr wohl einen Triumph über meinen „inneren Schweinehund“ feiern, kann als Lehrer den Erfolg meiner „liebevoll an der musikalischen Ausführung orientierten Strenge“ feiern. Aber wenn es um Sieg geht, ist es immer nur einer über mich selbst.

Spaß versus Freude
Evelyn Glennie über das Hören
 

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Sonntag, 15. Dezember 2019
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